Ich spüre inzwischen, dass diese Geschichten eben nicht nur in Büchern überlebt haben.
Nein.
Denn sie leben auch in den Familien weiter, in den unausgesprochenen Überzeugungen. In den Blicken, mit denen wir uns Frauen selbst betrachten. In den Sätzen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und immer noch werden.
Wenn ich Frauen begleite, fühle ich oft, dass manche dieser Prägungen älter zu sein scheinen als die Frau, die vor mit sitzt. So als würden sie nicht erst mit der Frau beginnen, sondern lange vor ihrem Weg.
Vermutlich ist dies genau der Grund, weshalb die Rückverbindung mit dem Schoßraum von so vielen Frauen so tief empfunden werden. Eben weil diese Rückverbindung nicht nur die eigene Geschichte berührt, sondern das gesamte weibliche Feld.
Die Geschichten und Erfahrungen unserer Mütter, Großmütter, kurz unserer Ahninnen. Die Geschichten jener Frauen, die sich angepasst haben, ja mussten oder ihr Wissen nicht frei leben konnten.
Manches davon wurde über viele Jahre, sogar Jahrzehnte vergessen, im Verborgenen gehalten.
Einiges kam Schicht um Schicht in den letzten Jahren wieder ins Gedächtnis und trotzdem warte bis heute noch manches darauf, wieder erinnert zu werden.
Für mich ist die Gebärmutter deshalb weit mehr als ein Organ, ganz gleich, ob sie physisch noch da ist oder nicht. Denn sie ist ein Erinnerungsraum, ein Ort schöpferischer, weiblicher Kraft, ein Zentrum weiblichen Seins.
Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Frau Kinder gebärt oder nicht. Diese schöpferische weibliche Kraft lässt sich nicht auf eine biologische Funktion reduzieren.
Denn überall dort, wo sich Leben, Ideen, Visionen, Gemeinschaften, Beziehungen, Kunst, Heilung und Mut für eigene oder neue Weg zu gehen zeigt, wirkt sie.
Darin liegt wahrscheinlich eine der größten Erinnerungen unserer Zeit.
Das wir beginnen, uns selbst wieder zuzuhören, nicht weil wir noch mehr Wissen brauchen, sondern weil wir verlernt haben, dem Wissen zu vertrauen, das bereits in uns lebt.
Ich bin vielen Frauen begegnet und begegnet ihnen noch, die sich selbst kritisch betrachten, ihre Schönheit übersehen oder ihre eigene Kraft kleinreden. Und viele von ihnen tragen Geschichten in sich, die nie ihre eigenen waren.
Doch etwas Wundervolles geschieht, wenn wir uns erinnern.
Nicht als plötzliche Erleuchtung, sondern als magischer Moment, leise, tief und von innen heraus.
Es ist, als würde unter den Schichten alter Prägungen etwas leuchten, dass die ganze Zeit da war. So Ursprünglich, so unversehrt, als wäre es nie verloren gegangen.
Unser Aufgabe besteht darin, dass wir uns erinnern, was wir längst sind.
Vielleicht beginnt Erinnerung genau dort.
Gar nicht in Büchern.
Nicht in den Geschichten anderer Menschen.
Nicht in dem, was uns über Jahrhunderte erzählt wurde.
Sondern eben in diesem Moment, in dem wir still werden und beginnen uns selbst wieder zuzuhören.
Denn unter all den Prägungen, den Bildern und den übernommenen Geschichten lebt etwas, das nie verloren gegangen ist.
Etwas, dass nur darauf wartet, wieder berührt zu werden.
Vielleicht ist unsere Gebärmutter deshalb soweit aus mehr als ein körperlicher Ort.
Vielleicht ist sie eine Einladung.
Eine Einladungen, endlich wieder nach Haus zu kommen.
Zu uns selbst.
Vielleicht ist es kein Zufalle, dass unsere Ahninnen einst von Bärmutter sprachen, von einem Ort, der birgt, trägt und bewahrt. Je länger ich den Geschichten der Frauen lausche, desto mehr scheint es mir, als läge genau darin eine Erinnerung, die älter ist als viele Bilder, die später über uns gelegt wurden.
Vielleicht erinnert uns die Bärmutter bis heute daran, dass wir getragen sind.
Verbunden.
Und manches nie wirklich verloren ist.
GeZeitenFrau – Alexandra Winterborg
