Wenn Orte wieder atmen

Gibt es Orte, die sprechen?

Ja, solche Orte gibt es. Nicht mit Worten, sondern mit einer Stille, die schwer auf den Schultern liegt, wie ein dichter, dunkler Nebel. Und mit einer Schwelle, über die Menschen treten und augenblicklich langsamer, vorsichtiger werden. Mit Räumen, die Weite schenken oder eine Enge bewahren, lange bevor der Verstand den Grund dafür findet.

Ein Haus, ein Hof besitzen eigene GeZeiten. Ein Wohnung, ein Stück Land, ein alter Baum oder eine Scheune ebenso. Sie alle erleben Generationen, Zeiten und werden Zeugen von Geburt und Tod, von Liebe und Trennung, von Krankheit, Freude und Gewalt, von Versöhnung und Abschied, von Zerstörung und Aufbau. Wir Menschen, Pflanzen, Tiere kommen und gehen. Kinder wachsen auf, alte Menschen sterben und das Leben zieht durch die Mauern wie der Wind durch die Kronen von alten Bäumen.

Keiner von uns verlässt einen Ort, ohne Spuren dort zu hinterlassen. Manche sichtbar, andere ruhen tiefer.

Sie liegen nicht in den Wänden oder unter den Dielen, sie leben in dem Gewebe, das zwischen Mensch und Ort entsteht. Dort sammelt sich das, was gelebt, erlebt wurde. Was ausgesprochen und nicht ausgesprochen werden durfte und was geheim gehalten, verdrängt oder auch niemals betrauert wurde.

Über mehr als drei Jahrzehnte bin ich immer wieder solchen Orten begegnet, Häusern, die ihre Geschichten nicht vergessen haben. Höfe, auf denen etwas spürbar blieb und Räume, in denen die Luft schwer wurde, ohne dass das jemand hätte erklären können.

Orte vergessen nicht, nie. Sie bewahren.

Sie bewahren, bis das, was keinen Platz gefunden hat, gewürdigt wurde. Sie bewahren so lange, bis jemand bereits ist hinzusehen, bis Erinnerungen ihren Platz erhalten und das Ungesagte nicht länger gegen die Mauern mehr drückt.

Und dann verändert sich etwas, nicht nur im Mensch, sondern im Ort selbst.

Räume wirken unerklärlicher weisen heller, das Atmen wird leichter, auch dann, wenn kein Fenster geöffnet wurde. Ein Haus empfängt wieder, ein Hof wirkt stiller, klarer und ohne Schwere.

Wer einen solchen Wandel erlebt hat, erkennt, dass Häuser weitaus mehr sind als Stein, Holz, Mörtel und Ziegel. Ein Hof, ein Haus ist immer mehr als Grund und Boden sichtbar machen. Denn ein Zuhause besteht aus mehr als Möbel und Wänden, jeder Ort trägt das Leben der Menschen in sich, die ihn bewohnt, geliebt, verlassen oder verloren haben.

Früher gehörte dieses Wissen fast selbstverständlich zum Alltag. Häuser wurden nicht nur instand gehalten, sie wurden gepflegt, gereinigt, die Toten wurden verabschiedet. Höfe wurden begangen, Feuer wurden entzündet. Es wurde geräuchert, gesegnet und besprochen. Manchmal aus Aberglaube, doch oft aus dem Wissen heraus, dass Ordnung gepflegt werden will und dass jedes Zuhause auch Aufmerksamkeit braucht.

Vieles davon ist verloren gegangen. Manches kehrt heute zurück und wird als neu bezeichnet, es wird etwas dazu gedichtet, obwohl es uralt ist. Unsere Ahnen wussten, dass nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Dächer und Mauern Fürsorge brauchen. Sondern auch die unsichtbaren Fäden eines Ortes wollen geachtet werden, ein Haus lebt von mehr als seiner Bausubstanz. Ein Hof nährt weitaus mehr als nur den Boden und ein Zuhause trägt mehr als die Menschen, die gerade in ihm wohnen.

Darum öffne ich von Zeit zu Zeit alle Fenster und Türen, entzünde Wacholder oder Salbei und gehe langsam durch jeden Raum. Bewusst, in Stille und manchmal gleiten Worte über meinen Mund. Nicht um etwas zu vertreiben, obwohl, dass manchmal auch, doch vielmehr, um wahrzunehmen. Ich lausche dem Haus, dem Hof, dem Land. Ich schenke den Eingangstüren dieselbe Aufmerksamkeit, wie den Räumen dahinter. Denn ein Ort erzählt überall dieselbe Geschichte.

Dort, wo ein Ort geachtet wird, beginnt er wieder zu atmen und mit ihm der Mensch.

Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau