Was in unseren Knochen lebt

Alte Weise sitzt am Feuerplatz im Wald, über ihr fliegt ein Rabe und sie schaut ins Feuer, einzelne Knochen liegen um sie herum, denn sie schöpft aus dem Wissen der Knochen.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich nicht nur eine Frau, ich sehe viele.

Die junge Frau, die voller Fragen war, die Suchende, die glaubte, sie müsse irgendwo die Antworten finden. Die Wilde, die gegen Mauern lief, die Liebende, die Verletzte. Die Frau, die sich verlor und jene, die immer mehr begann, sich wieder zu erinnern.

Alte Weise sitzt am Feuerplatz im Wald, über ihr fliegt ein Rabe und sie schaut ins Feuer, einzelne Knochen liegen um sie herum, denn sie schöpft aus dem Wissen der Knochen. Keinen Gedanken verschenkte ich daran, dass jede sich von mir ablösen würde und nur eine übrig bliebe. Und heute weiß ich, genau so war es, denn keine von ihnen ist verschwunden. Sie sind noch alle in mir. In den Erinnerungen, in den vergangenen Kapiteln meiner Jahrzehnte und als Teil meines eigenen Gewebes, eingebettet ins große ganze Gewebe.

Ich denke, wir Frauen verstehen deshalb den Wandel so tief, nicht weil wir klüger wären, sondern weil wir in unserem Leben, ihnen allen begegnen. Und wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn etwas endet, das Alte nicht mehr trägt und da Neue einfach noch keinen Namen hat. So kennen wir auch die Schwellen, an denen wir nicht mehr dieselbe sind und zugleich noch nicht so genau wissen, wer wir werden.

Früher erzählten wir uns von den Nornen, wir wussten, dass das Leben kein gerader Weg ist, sondern tief eingebettet im Gewebe aus Fäden sein wird. Fäden, die sich begegnen, verknüpfen und wieder lösen oder gar durchgeschnitten werden. Nichts steht für sich alleine. Alles ist miteinander verbunden. Die Vergangenheit wirkt in der Gegenwart und in der Gegenwart bereits die Zukunft. So ist das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verwoben und jedes Ende trägt bereits den Beginn von etwas Neuem in sich.

Wenn ich heute an die Alchemistin denke, sehe ich keine Gestalt aus den alten Geschichten, sondern ich erkenne sie in den Wandlungen des Lebens, jene die neben uns her geht und uns erinnert. Dort, wo unsere Erfahrungen langsam zu Weisheiten werden, dort, wo Schmerz uns weicher macht. Und dort, wo Verluste uns lehrten, tiefer zu sehen. Die Alchemistin wirkt nicht außerhalb von uns, sie wirkt vielmehr in uns. Bis zu jenem Punkt, an dem sie in die Alte Weise wechselt.

Nein, nicht an einem bestimmten Geburtstag, nicht weil die Haare grau werden, sondern weil das Leben uns lange genug geformt hat. Und weil wir gelernt haben, dass nicht alles festgehalten werden kann.

Und weil wir erkennen, dass Wandel kein Fehler im Leben ist, sondern sein Wesen.

So wie der Winter den Frühling bereits in sich trägt, der Sommer den Herbst, die Ebbe die Flut und jedes Sterben einen Raum erschafft, für das, was werden wird.

Es ist das Wissen der Erde und das tiefe Wissen, das tief in unseren Knochen enthalten ist.

Seit Anbeginn und bis zum Ende.

Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau