Die Frau am Feuer

Wald, Feuerplatz, weise Alte Frau sitzt am Feuer, eine Holzhütte ist an der Seite zu sehen und der Wald.

Ich bin nicht hier, um Dir zu sagen, wer Du sein sollst, auch nicht, um Dir zu sagen, wer Du sein könntest.

Auch nicht, um Deinen Weg für Dich zu finden oder Antworten zu verteilen, wie Lutschpastillen.

Die habe ich nicht und wenn ich zurückblicke auf die GeZeiten meines Lebens, glaube ich, dass sie niemand hat. Ich bin keine Frau der fertigen Wege, auch wenn ich das früher mal dachte, weder Landkarten noch Rezepte kann ich Dir geben. Dafür ist das Leben zu wild, zu groß, zu geheimnisvoll. Doch kenne ich die GeZeiten, das Mädchen, das staunen konnte, trotz Schmerz und schwerer Geheimnisse in der Familie, die Frau, die nährte und trug.

Wald, Feuerplatz, weise Alte Frau sitzt am Feuer, eine Holzhütte ist an der Seite zu sehen und der Wald.

 

Die Alchemistin, die ihre alte Haut dem Feuer übergeben musste, schmerzhaft, voller Tränen und tiefer Trauer über das, was damit ebenfalls ging und die Alte Weise, die gelernt hat, dem Winter zu vertrauen. Ich kenne ihre Geschichten, weil ich durch sie gegangen bin und noch immer gehe.

Und weil unzählige Frauen nach uns durch sie gehen werden, so kenne ich diese Schwellen, die Nächte, in denen nichts mehr passte, diese Zeit zwischen Ende und Anfang. Diese Augenblicke, in denen das Alte bereits starb und das Neue noch keinen Namen fand.

Ich kenne den Geschmack von Abschied, das Brennen von Wandel und das Heulen der Wölfe tief in den Knochen von uns Frauen. Aber auch jenes Schweigen, das manchmal schier lauter war als jedes gesprochene Wort. Der Rauch hat mir manches erzählt, der Wald wiederum anders.

Manche Geschichten wurden im und am Feuer geboren.

Mit manchen Tränen und in Stille.

Und mache davon leben seit Generationen in unserem Blut, ohne, dass wir ihre Namen kennen.

Ich werde Dir nicht sagen, welchen Weg du gehen sollst, aber vielleicht erinnere ich Dich daran, dass Du nicht die Erste bist

die zweifelt

die loslassen muss

die sich selbst verliert

die sich wiederfindet

Weißt Du, vielleicht sitze ich einfach neben Dir. Am Feuer. Mit Ruß an den Händen, dem Wind in den Haaren, die Ahnen hinter mir und den Pfotenabdrücken im Herzen. Mit diesem Wissen, dass manche Antworten nicht gefunden werden wollen, sondern erinnert.

Ich bin nicht für jede Frau und umso älter ich werde, umso mehr wird das so.

Wie der Wald, das Feuer und die AndersWelt, doch weißt Du, jene die gerufen werden, erkennen die Spur, den Weg.

Gar nicht mit dem Verstand, sondern in ihren Knochen, in ihrem Blut und in ihrem Herzschlag.

Wie jene uralten Erinnerungen, die weit älter sind als Worte und vielleicht genügt genau das.

Eine Geschichte, ein Feuer, eine Erinnerung.

Und dieser Moment, in dem Du erkennst ~ Du hast nicht nach dem Weg gesucht, denn Du warst die ganze Zeit bereits darauf.

Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau