Aufstellungen
Über mehr als 18 Jahren habe ich viele Aufstellungen erlebt, mit ganz unterschiedlichen Methoden und unterschiedlicher Schulen. Mit ganz unterschiedlichen Menschen. Einige der Begegnungen haben mich tief berührt. Manche haben Menschen aufgerichtet, andere haben Fragen hinterlassen, die mich lange begleitet haben, auch als Aufstellungsleiterin. Heute beschäftigt mich gar nicht mehr, welche Methoden die richtige ist, mich interessiert der Mensch, der den Raum betritt und die Verantwortung, die mit diesem ersten Schritt beginnt.
Eine Aufstellung öffnet keinen Raum für Sensationen, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass es genau das ist, was einige der Menschen sich erhofften zu erleben. Doch öffnet sie einen Raum, in dem das Leben zu sprechen beginnt. Manchmal laut, mit Worten oder ohne. Es spricht durch Blicke, durch Haltungen, durch Bewegungen, durch den Atem, durch das, was zwischen Menschen entsteht. Einiges davon erhebt sich aus einer Tiefe, die älter ist als jede Erinnerung. Denn Knochen tragen Geschichten. Blut bewahrt die Bindungen und Verbindungen und die Erde unter unseren Füßen kennt Wege, Spuren, die unser Verstand längst vergessen zu haben scheint. Wer sich auf eine Aufstellung einlässt, berührt dieses Gewebe, tritt in ein altes Feld ein.
Gerade deshalb verlangt diese Arbeit eine Haltung, die weit über jede Methode hinausgeht – Erfahrung, Klarheit und Demut bilden den Boden, auf dem eine Aufstellung überhaupt erst tragfähig wird. Frei von Projektionen, Übertragungen. Denn nicht alles, was sichtbar wird, verlangt immer nach einer Erklärung. Nicht jedes Bild will gedeutet werden. Zwischen dem, was erscheint, dem was daraus gemacht wird, liegt ein Raum, der geschützt werden mag. Dort entscheidet sich, ob eine Aufstellung dem Menschen dient oder ob sie beginnt, ihm etwas überzustülpen, oder eine Geschichte anzudichten.
Ich habe erlebt, wie Menschen ihren eigenen Platz wiederfanden und in einem ersten Schritt annahmen. Nicht, weil irgendjemand ihnen ihre Geschichte erklärte, sondern weil etwas in ihnen selbst wieder in Bewegung kam. Ich habe erlebt, wie Vermutungen zu Gewissheiten wurden und Deutungen den Platz der eigenen Wahrnehmung einnahmen. Aber auch, wie aus Bildern Geschichten entstanden, die niemand hätte überprüfen können und die dennoch begannen, das Leben eines Menschen zu bestimmen und genau an diesem Punkt verliert eine Aufstellung ihre Würde.
Ein Aufstellung ist einfach kein Gericht, sie spricht kein Urteil, noch liefert sie einen Beweis für etwas. Sie erhebt keinen Anspruch darauf, die einzige oder gar die Wahrheit über das Leben eines anderen Menschen zu kennen. Sie ist ein Ort des Wahrnehmens, ein Ort, an dem sichtbar werden darf, was lange keinen Platz hatte. Alles darf sich zeigen – Trauer, Verlust, Verbundenheit, Loyalität, Liebe, Schuld, Sehnsucht und darüber hinaus. Nichts muss erklärt werden, Bedeutung zu besitzen.
Mit den Jahren hat sich mein Blick verändert. Suchte ich früher nach Antworten, lausche ich heute dem, was sich zeigt und dem, was sich zurückhält. Beides gehört zum Leben, zur Geschichte dazu. Nicht alles möchte ans Licht, manche Bewegungen brauchen den Schutz der Stille, andere verlangen einen anderen Raum als eine Gruppe ihn in diesem Moment geben kann. Tiefe lässt sich nicht beschleunigen, sie folgt ihrem eigenen Rhythmus, so wie wir an Wurzen nicht schneller wachsen lassen können, weil wir daran ziehen.
Für mich liegt die größte Kraft einer Aufstellung nicht darin, alles sichtbar zu machen, sondern in der Fähigkeit zu unterscheiden – Was braucht gerade Raum? Was braucht einen besonderen Schutz? Was dient dem Menschen, was nur der Neugier? Diese Unterscheidung entsteht nicht durch Techniken, sie wächst mit den Jahren. Aus Erfahrung und aus der Bereitschaft, die eigene Bedeutung immer wieder hinter die Würde des Menschen, für den die Aufstellung erfolgt, zurückzustellen.
Nach mehr als 18 Jahren weiß ich, dass wir in Aufstellungen Menschen einander begleiten können – wir können zuhören, wir können bezeugen, wir können einen Raum halten, in dem etwas in seine Ordnung wieder zurückfindet. Mehr steht uns nicht zu und weniger wäre diesem Gewebe, diesem Feld des Lebens nicht angemessen.
Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau

