Was in unseren Knochen lebt

Blicke ich auf mein bisherige Leben, sehe ich nicht nur eine Frau. Ich sehe die Suchende, die glaubte, dass alle Antworten hinter dem nächsten Horizont lägen. Ich sehe die Wilde, die an Mauern manchmal rüttelte, bis ihre Hände wund waren, dann sehe ich die Liebende, die Hoffende, die Verletzte. Und ich sehe die Frau, die sich verlor und jene, die den Weg wieder zurückfand. Keine von ihnen ist gegangen, alle leben in mir.

Sie haben sich nicht aufgelöst, als die nächste erschien, sie haben sich zusammengefügt, wie leichte Schichten, die mein Leben tragen. Jede hat etwas anderes hinterlassen, eine Narbe, eine Erkenntnis, eine Stärke, wie auch Abschiede. Nichts davon war vergeblich. Denn mit den Jahren habe ich verstanden, dass Wandel nicht bedeuten muss, jemand anderes zu werden oder gar zu sein. Wandel bedeutet eben, mehr von dem zu erinnern, was längst in uns lebt. Unser Knochen wissen darum. Sie tragen weit mehr als unseren Körper, sie tragen die Wege, die wir gegangen sind. Die Lasten, die wir mit uns tragen. Die Freude, die unsere Herzen weiter werden ließen.

Sie tragen Erinnerungen, die weit älter sind, als unsere einzelnen Worte und Erfahrungen, die sich nicht immer erklären lassen, erklärt werden müssen, da sie sich nur leben lassen.

Aus diesem Grund berührt Wandel uns, mich so tief. Nicht weil er immer etwas Neues erschafft, sondern weil er Schicht um Schicht freilegt. Wandel ist wie der Regen, der den Fels nicht verformt, sondern das sichtbar macht, was längst darunter liegt.

Früher erzählten unsere Ahnen von den drei Schöpferinnen – den Nornen. Sie wussten, dass das Leben keinem geraden Weg folgt. Es wird gewebt, durch Fäden, Begegnungen, Geburt und Tod, Freude und Schmerz und was eben zum Lebensgewebe gehört. Nichts davon steht allein für sich, alles wirkt ineinander.

Und heute?

Heute erkenne ich die Alchemistin nicht mehr als Gestalt aus Erzählungen, ich erkennen sie in meinem Leben. Sie wirkt dort, wo Erfahrungen sich wandeln, wo Schmerz seine Schärfe verliert und Weisheit pur zurückbleibt. Dort wo wir aufhören, gegen das eigene Leben zu kämpfen und beginnt dort, wo wir zum Leben gehen, denn dort geschieht die eigentliche Wandlung.

Irgendwann dann tritt die Alte Weise an unsere Seite, nicht an einem Geburtstag, nicht mit dem ersten grauen Haar. Einfach dann, wenn wir aufhören alles festhalten zu wollen und tiefer in uns gehen.

Sie spricht leiser, sanfter und tiefer als alle Frauen vor ihr. Denn sie kennt den Wert der Stille, muss nichts mehr beweisen. Und sie weiß, dass jedes Ende den Samen eines Anfangs trägt und das Leben den GeZeiten des Lebens folgt.

Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau