Ein Land, wie auch Häuser, Höfe, Grundstücke und Räume, Wohnungen haben ihre eigenen GeZeiten.
Sie erleben Generationen von Menschen, werden Zeugen von Freude und Verlust, von Geburt und Tod, von Liebe, Krankheit, Gewalt und Frieden, Streit und Versöhnung. Menschen kommen und gehen. Kinder werden geboren. Junge und alte Menschen sterben. Manche bleiben ein Leben lang und andere nur für kurze Zeit.
Alle, hinterlassen wir Spuren, nicht nur in unseren Familien oder anderen Beziehungsgeflechten, sondern auch z. B. in den Wohnungen.
Nicht jede der Geschichten wurden erzählt, betrauert oder durften gesehen, erfahren werden.
Manche davon wurden verschwiegen, weil sie vergessen werden sollten, andere fanden keinen Frieden und blieben zurück.
Über all die Jahre hinweg, habe ich immer wieder Orte erlebt, die solche Geschichten in sich trugen. Häuser, in denen etwas war, Räume, die nicht zu Ruhe kamen und Höfe, auf denen etwas spürbar war und man nur hinter vorgehaltener Hand darüber sprach. Denn es konnte ja gar nicht sein.
Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass sich nicht alles von selbst löst und auch nicht immer alle mit der Zeit vergeht.
Daher bewahren Orte ihre Erinnerungen, bis jemand bereit ist hinzuschauen, zuzuhören, zu würdigen, zu respektieren, um dann vielleicht endlich gelöst zu werden.
Erst dann verändert sich etwas, nicht nur in den Menschen, die in diesen Häusern, auf den Hören, in den Wohnungen, Räumen leben, sondern im Ort selbst.
Manche Orte bewahren ihre Erinnerungen so lange, bis jemand bereit ist hinzuschauen. Bis jemand zuhört. Bis etwas gesehen, gewürdigt und vielleicht auch gelöst werden kann.
Die Luft wird leichter, der Raum wird weiter, der Ort beginnt wieder zu atmen. Es scheint, als würde der Ort beginnen anders zu erblühen, manchmal, als hätte etwas endlich seinen Platz gefunden.
Wer solch ein Augenblick erlebt hat, vergisst sie nicht mehr. Denn dadurch wird spürbar, dass Häuser mehr sind als Mauern und Mörtel. Höfe mehr als Land. Räume mehr als die Summe ihrer Einrichtungen und Deko.
Sie alle tragen Geschichten und manche davon warten darauf, endlich gehört zu werden. Früher war dieses Wissen darüber selbstverständlich. Die Stube wurde gereinigt. Die Toten verabschiedet. Der Hof wurde begangen. Die Feuer wurden entzündet.
Dies erfolgte nicht, weil wir Menschen naiv waren, sondern weil sie in einer Welt lebte, in der alles miteinander verbunden war.

Sie räucherten, sie segneten, sie besprachen und entzündeten Feuer. Dadurch baten sie um Hilfe und Unterstützung und stellen die Ordnung wieder her. Es gehörte einfach zum Leben.
Heute haben wir vieles davon vergessen und denken manchmal, wir erfinden etwas neu. Dabei haben wir vieles von dem Vergessen, was für unsere Ahnen selbstverständlich war. Nicht immer aus Aberglaube, sondern weil sie wussten, dass ein Haus, Räume gepflegt, gereinigt werden wollen. Ein Hof Aufmerksam braucht und Orte eben Erinnerungen bewahren.
Ich finde es lohnt sich deshalb, von Zeit zu Zeit ein Fenster zu öffnen, den Wachholder, den Salbei zu entzünden und durch die Räume zu gehen und bewusst wahrzunehmen, was ein Ort benötigt und wie es einem Ort geht.
Dem Haus, der Wohnung, dem Hof, dem Land und nicht zu vergessen die Eingangstüren und Treppenhäusern geht.
Und machen wir das regelmäßig, beginnt dort etwas wieder zu atmen, aber nicht nur der Ort, sondern auch wir selbst.
Alexandra Winterborg ~ GeZeitenFrau

